Oct 2011
Qualitätsjournalismus leicht gemacht
27.10.11 – warnt vor:Menschen zu meidende | Nachrichten
Erstens: Der Titel muss ziehen. Suchmaschinenoptimiert und auch sonst mit ordentlich Wallung. Mindestens Finanzkrise und Strahlenopfer und Trümmerfrauen-Edelmut. Warum also nicht: „Aufräumarbeiten im Finanz-Fukushima“? Ja, ist gut. Echt gut. Und dann was, was die Leute mitreisst. Erst abholt, auch die Analphabeten, und dann empört. Vielleicht so: „Berlin ist Entenhausen. Seit Mittwoch ist das amtlich. Schon die 440 Milliarden Euro des sogenannten Rettungsschirms, der Europa und den Euro auffangen soll, waren eine schwer vorstellbare Summe. Durch einen Trick der Finanz-Alchemie wurde daraus nun eine Billion Euro. Onkel Dagobert lässt grüßen.“ Genau. Schon sind alle, die sich auch nichts vorstellen können, bei ihm. Und gleich noch etwas mehr Dramatik: „Die Trümmer der europäischen Wirtschaftsarchitektur bergen eine vernichtende Gefahr für den ganzen Kontinent. Ein Finanz-Fukushima, dessen die Politik nicht Herr wird.“ Diese Worte bergen zwar logisch und grammatikalisch einen Unsinn, dessen der Deutschlehrer kaum Herr wird, aber eine notwendige Zuspitzung für die Katharsis dieses kleinen Journalliendramas sind sie durchaus: „Seit Beginn der Krise im Jahr 2008 tut Angela Merkel ihr Bestes, den maroden Reaktor des Finanzkapitalismus wieder in Gang zu setzen während doch die einzige Lehre aus dem Desaster lauten muss: Abschalten!“ Ja, abschalten, das wär´s doch, er ist so in Rage, da vergisst man schonmal die korrekte Zeichensetzung. Dann spricht er noch, was er bei der Wagenknecht gelesen hat: „Die Schulden des Staates sind die Vermögen der Reichen.“ Aber auf einmal geht es mit der SPD weiter, der zur „Zukunft Europas offenbar auch nichts anderes einfällt als der CDU“. SPD, CDU? Ein fieses Signal, das schlimme Ahnungen, es könnte vielleicht garnicht so gemeint sein, wie es sich anhört, im Leser weckt. Sie bestätigen sich wenig später in diesem Satz: „Er (Steinbrück) könnte etwas tun, was Angela Merkel nicht vermag: Vertrauen schaffen. Aber er verzichtet darauf.“ Das muss man erstmal hinkriegen: Von Entenhausen aus die Gesamtlage ins Visier nehmen, dabei die linke Kampfrhetorik bemühen, um dann am Ende nach was zu schreien? Der Enteignung der Reichen? Der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln? Der Gerechtigkeit bei Löhnen? Ich werde kleinmütiger: Dem Sozialstaat? Hm. Höheren Hartz 4-Sätzen? Nein. Er schreit nach: Vertrauen. Dem Augstein ist nicht mehr zu helfen. Bei dem Mental-Fukushima sind Aufräumarbeiten zwecklos.
|
Mündige Bürger oder was man so nennt
25.10.11 – warnt vor:Bedrohungen allenthalben
Frank Rieger schreibt wahre Worte zur Überwachung in der FAZ ("Wir leben noch frei, aber nicht mehr lange"). „Schon jetzt werden demokratische Proteste ganz selbstverständlich observiert und ausgeforscht. Die Werkzeuge, um gesellschaftliche Veränderung zu unterdrücken, wenn es denn politisch gewollt ist, sind nunmehr vorhanden und installiert. Die umfassende Mobiltelefonüberwachung in Sachsen gibt einen Vorgeschmack, wie der Missbrauch ablaufen kann. Sich darauf zu verlassen, dass in Zeiten von Finanzmarktzusammenbrüchen, aufbrechenden sozialen Verwerfungen und kommenden Ressourcenkrisen die Mittel, die unter dem Banner der Terrorismusbekämpfung geschaffen wurden, zurückhaltend und wohlüberlegt zum Einsatz gebracht werden, ist etwas für naive Staatsgläubige, nicht für mündige Bürger.“
Er erzählt allerdings nur die halbe Wahrheit. Er sieht die Gefahr für die Freiheit, aber er fragt nicht, durch welchen Klassengegensatz sie gerade bedroht ist. Für wen installiert der Staat denn die Sicherheitsapparate? Um die Bürger zu schützen? Ja, aber nur die wenigen Schwerreichen vor den vielen um ihren Besitz Bangenden. Das Vermögen sehr weniger Menschen, die sich in den letzten 20 Jahren noch einmal in aberwitzigem Maße bereichert haben, wird vor dem Zugriff derer geschützt, die auch etwas Nennenswertes von den Früchten ihrer Arbeit abbekommen möchten. Kurz: Der Innenminister schützt nicht die "Bürger" vor "Terroristen", "Extremisten" oder was auch immer, sondern die Herren vor den Knechten. Wozu sonst werden mit Drohnen Demos überwacht, oder der Einsatz der Bundeswehr im Inneren oder die Vorratsdatenspeicherung gefordert? Für Siemensgroßaktionäre beispielsweise sind Extremisten und Terroristen zwar eine abstrakte Bedrohung irgendwie. Aber sie sind auch ganz konkrete Kunden, wie man an Achmachmirdendschihad sehen kann. Gegen die gehen die nicht ernsthaft vor. Aber gegen einen Frank Rieger, wollte der Chaos Computer Club einmal die Eigentumsfrage stellen, anstatt sich auf die Rettung einer Freiheit zu beschränken, die ohne adäquates Einkommen schon heute kaum ansatzweise realisiert werden kann. Wer lebt denn noch frei?
Er erzählt allerdings nur die halbe Wahrheit. Er sieht die Gefahr für die Freiheit, aber er fragt nicht, durch welchen Klassengegensatz sie gerade bedroht ist. Für wen installiert der Staat denn die Sicherheitsapparate? Um die Bürger zu schützen? Ja, aber nur die wenigen Schwerreichen vor den vielen um ihren Besitz Bangenden. Das Vermögen sehr weniger Menschen, die sich in den letzten 20 Jahren noch einmal in aberwitzigem Maße bereichert haben, wird vor dem Zugriff derer geschützt, die auch etwas Nennenswertes von den Früchten ihrer Arbeit abbekommen möchten. Kurz: Der Innenminister schützt nicht die "Bürger" vor "Terroristen", "Extremisten" oder was auch immer, sondern die Herren vor den Knechten. Wozu sonst werden mit Drohnen Demos überwacht, oder der Einsatz der Bundeswehr im Inneren oder die Vorratsdatenspeicherung gefordert? Für Siemensgroßaktionäre beispielsweise sind Extremisten und Terroristen zwar eine abstrakte Bedrohung irgendwie. Aber sie sind auch ganz konkrete Kunden, wie man an Achmachmirdendschihad sehen kann. Gegen die gehen die nicht ernsthaft vor. Aber gegen einen Frank Rieger, wollte der Chaos Computer Club einmal die Eigentumsfrage stellen, anstatt sich auf die Rettung einer Freiheit zu beschränken, die ohne adäquates Einkommen schon heute kaum ansatzweise realisiert werden kann. Wer lebt denn noch frei?
Wagnis muss sich wieder lohnen
25.10.11 – warnt vor:Bedrohungen allenthalben | Gefahren in Flora und Fauna
Unter dem offenbar vom FDP-Wahlkampf inspirierten Titel „Wagnis muss sich lohnen“ veröffentlicht die sonst nicht genug zu lobende Bergundsteigen einen Artikel zum Risiko beim Bergsteigen.
Ich steige so viel auf die Berge, wie ich kann. Das ist mitunter riskant, aber was tut man nicht alles, um für ein paar Stunden ein Alternativleben zu dem allgegenwärtig alternativlosen Wahnsinn des Kapitalismus zu führen. Der Artikel betrifft mich also als Experten des Warnens und als einen Experten des Warnungenindenwindschießens – ich beginne zu lesen.
Ein Prof. Dr. Siegbert Warwitz, Germanist und Pädagoge, verteidigte beim International Mountain Summit (was es alles gibt) seine These vom Recht aufs Risiko. Und zwar so: „Wagnis ist ein Impulsgeber für Höchstleistungen. Wagnisverweigerung ist eine Charakterschwäche.“ und so: „Heute ist Griechenland (das unter Alexander noch wagen konnte) ein bankrotter … Staat, der nicht den Mut … hat, sich aus dem Sumpf … zu ziehen, in den er sich selbst gebracht hat. Das nenne ich eine degenerierte Gesellschaft.“ und so: „Ich … kämpfe energisch gegen die verbreitete Verwechslung von sinnleerem Risikohandeln und werthaltigem Wagnisverhalten.“ und schließlich so: „Der Kern der Wagnisphilosophie heisst nämlich: Wagnis muss sich lohnen, muss zu Wertschöpfungen und höherer Lebensqualität führen.“
Mir wurde beim Lesen schwach übel. Haben Sie es gemerkt? Da spricht der Führer einer Großbank und will sein Volk zum Kampf ertüchtigen. Es geht um alles, es geht um Wertschöpfung. Die charakterschwachen, degenerierten Griechen, die sich nicht mehr trauen, wie Alexander der Große Krieg und Tod bis nach Indien zu tragen, sollen doch mit ihrem sinnleeren Risikohandeln selbst schauen, wo sie bleiben. Wir setzen auf Impulse zur Höchstleistung und auf Wertschöpfung und Lebensqualität. Da kann man schon mal ein werthaltiges Wagnisverhalten zeigen und beispielsweise auf den Untergang des Euro wetten. Der Mann weiß garnicht, wie gut er verstanden hat, was die, die was zu sagen haben, ihn sagen hören wollen. Bei so viel vorauseilendem Gehorsam eines Intellektuellen wird der Schritt vom Warwitz zum Wahnwitz ganz klein.
Hoffentlich bleibt das ein Einzelfall. Ich dulde keinen Kapitalismus beim Klettern.
Ich steige so viel auf die Berge, wie ich kann. Das ist mitunter riskant, aber was tut man nicht alles, um für ein paar Stunden ein Alternativleben zu dem allgegenwärtig alternativlosen Wahnsinn des Kapitalismus zu führen. Der Artikel betrifft mich also als Experten des Warnens und als einen Experten des Warnungenindenwindschießens – ich beginne zu lesen.
Ein Prof. Dr. Siegbert Warwitz, Germanist und Pädagoge, verteidigte beim International Mountain Summit (was es alles gibt) seine These vom Recht aufs Risiko. Und zwar so: „Wagnis ist ein Impulsgeber für Höchstleistungen. Wagnisverweigerung ist eine Charakterschwäche.“ und so: „Heute ist Griechenland (das unter Alexander noch wagen konnte) ein bankrotter … Staat, der nicht den Mut … hat, sich aus dem Sumpf … zu ziehen, in den er sich selbst gebracht hat. Das nenne ich eine degenerierte Gesellschaft.“ und so: „Ich … kämpfe energisch gegen die verbreitete Verwechslung von sinnleerem Risikohandeln und werthaltigem Wagnisverhalten.“ und schließlich so: „Der Kern der Wagnisphilosophie heisst nämlich: Wagnis muss sich lohnen, muss zu Wertschöpfungen und höherer Lebensqualität führen.“
Mir wurde beim Lesen schwach übel. Haben Sie es gemerkt? Da spricht der Führer einer Großbank und will sein Volk zum Kampf ertüchtigen. Es geht um alles, es geht um Wertschöpfung. Die charakterschwachen, degenerierten Griechen, die sich nicht mehr trauen, wie Alexander der Große Krieg und Tod bis nach Indien zu tragen, sollen doch mit ihrem sinnleeren Risikohandeln selbst schauen, wo sie bleiben. Wir setzen auf Impulse zur Höchstleistung und auf Wertschöpfung und Lebensqualität. Da kann man schon mal ein werthaltiges Wagnisverhalten zeigen und beispielsweise auf den Untergang des Euro wetten. Der Mann weiß garnicht, wie gut er verstanden hat, was die, die was zu sagen haben, ihn sagen hören wollen. Bei so viel vorauseilendem Gehorsam eines Intellektuellen wird der Schritt vom Warwitz zum Wahnwitz ganz klein.
Hoffentlich bleibt das ein Einzelfall. Ich dulde keinen Kapitalismus beim Klettern.


