Oostende

Ich weiß nicht, welcher Oost dort sein Ende gefunden hat, aber es wundert mich nicht, dass er es gefunden hat. In Oostende war es letzte Woche nach kürzester Zeit auch mit meiner Vitalität vorbei. Stellen Sie sich das Meer vor. Geht nicht? Zu formlos? Zu einerlei? Versuchen Sie es trotzdem: Also unten eher grau, oben blau, dazwischen ein waagrechter, dunstiger Strich. Davor ein armer Streifen Sand, der sich, vor dem hinterhältig in größter Seelenruhe Sandkorn für Sandkorn das Land wegleckenden Meer fliehend, rückwärts etwas zu einem Deichrücken aufwölbt. Die Geste kenne ich von Katzen. Auf dem Deich eine Bahnstrecke. Hinter der Bahn eine schnurgerade Strasse, als hätte hier jemand dem Meer zeigen wollen, wo die zerstörerische Natur auf und das zerstörerische Oostende anfängt. Hinter der Strasse ein kilometerlanges, sandiges Hundeklo. Dahinter Häuser und Hochhäuser im späten mephistofelischen Stil und ab da bis zu den deutschen Mittelgebirgen flaches, nutzloses Land. Denken Sie: Da leben Menschen und merken von alledem nichts. Ich war abends um sechs in einem Speiselokal („Warme Küche nonstop“ stand belgisch am Fenster) das mir, meiner Frau und meinem Kind auch das kleinste Essen verweigerte. Trinken ja, aber durchgehend warme Küche bedeutet in Oostende, der Koch geht um 17:30 Uhr nach Hause. So deplatziert habe ich mich zuletzt in der Dänemark gefühlt. Um im, nennen wir es einmal so, Hotel noch einen wahrlich sehr angeratenen Wein zu erhalten, musste ich die Hotelbesitzerin wecken. Um acht. Es gibt viele Städte, die haben sich aufgegeben, wie Wien, Heidelberg oder München. Aber sie lassen sich dabei nicht so hängen wie Oostende.
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