Graceland

I
Ich habe viel Zeit. Sie fragen sich, was ich mit der anfange? Oft spaziere ich in den Elvis Presley Boulevard und stelle mich vor das Gelände, das Sie hier „the kings kitschy home“ nennen. Dann höre ich den Touristen zu, die in die grüne Pracht von Graceland starren und noch bevor sie anfangen zu sprechen, weiß ich schon, was sie sagen werden. Sie alle erzählen mir zuerst, was sie sehen, die prächtigen Gärten, die auf den ersten Blick gar nicht so auffällige Villa, danach ehrfürchtige Anekdoten über den King, seine Stimme, seinen Hüftschwung, den märchenhaften Lebensstil. Und am Ende natürlich glücklich ergriffene Worte über das Unglück und den zu frühen Tod dieses großen Rock n Roll Stars. Lebt er noch unerkannt irgendwo? Sie streiten im Scherz. Nein, er lebt nur noch in ihren Herzen. Auch das ist ihnen etwas wert. Aus Europa kommen sie, aus Russland, sogar von Japan reisen sie an, kleine Tokyoten mit offenen Mündern, mit gefestigter Haartolle, Sonnenbrille, in strahlend weiße, gewissenhaft mit Pailletten bestickte Fransenanzüge gesteckt, die bleichen Wangen mit dicken Koteletten beklebt. Sie wollen sein wie er. Das ist Memphis. Elvis lebt, aber ich, Bruce Hall, gehe hier ein.

II
Werktags, wenn die meisten anderen Einwohner von Memphis ihre Zeit mit Arbeit tot schlagen, habe ich frei. Ich wehre mich dagegen, als armer Arbeitsloser betrachtet zu werden. Ich bin ein Freiherr und ein Sekundenmillionär. Diese Stadt dagegen ist arm. Sie hat keine Zeit, sie zahlt monatlich mehrere Millionen Dollar Zinstilgung für ständig wachsende Kredite und hat verständlicherweise kein Geld mehr übrig für Kindergärten und andere Kostenstellen wie mich. Ich dagegen bin unter anderem deshalb so reich, weil ich mich nie mit einem Kreditinstitut eingelassen habe. Nie. Eine Bank ist kein vertrauenswürdiger Ort für mich. Da hängen schräg oben im Foyer immer Kameras von den Decken. Bewaffnete Wachleute glotzen dich an. Wer so viel Schutz braucht, lenkt einen Verdacht auf sich. Den Verdacht, er verdanke seinen Reichtum der bloßen Gewalt. Sie mögen mich für etwas überspannt halten. Aber ich glaube, im Leben zu bestehen, ist eine Frage der Vorsicht und des Betrachtungswinkels. Vorsichtig bin ich schon. Und von ganz unten gesehen, geht es mir auch recht gut.

Aber manchmal, wenn ich unter der Woche wieder vor Graceland sitze und den Touristen zuhöre, schweifen meine Gedanken ab und ich stelle mir vor, wie es wäre, einmal, nur einmal das Geld zu besitzen, um Memphis zu verlassen. Wahrscheinlich sehr lange zu verlassen und sehr weit fort zu gehen. Vielleicht nach Japan, dort gibt es wunderschöne alte botanische Gärten in kleinen wohlriechenden Parks mit Papierpavillons und seltenen Karpfen in den Teichen. Ich schnuppere so gerne an allem, was blüht. Hier riecht es, wie nur amerikanische Großstädte riechen können. Aus der Perspektive der Hunde, die um mich herumstreichen, ist Memphis sicher großartig. Eine olphaktorisch hochinteressante, mit erlesenen Variationen von Abgasen, allerlei Beutefleischbouquets und feinstem Urin aromatisierte Jagdzone. Viel schöner als der Blütenduft, der mich entzückt. Aus meiner Perspektive ist Memphis das Anti-Rom, der Ort, von dem alle Straßen wegführen. Das finstere Land Mordor, in dem ich mein Leben verschlafe. - Ab und zu reißt mich ein Klimpern aus meinen Träumen. Irgendwelche Gracelandbesucher werfen mir kleine Geldstücke zu, vermutlich weil ich blind bin und meinen Hut wie einen Teller auf den Gehsteig lege, bevor ich mich etwas ausruhe. Ich wehre mich dagegen nicht, das Geld kann ich gebrauchen, es reicht für die Miete und für etwas zu essen. Es reicht nicht, um hier zu verschwinden.

III
Ich sagte, ich habe viel Zeit. Das stimmt. Andererseits: Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. Sie müssen wissen, dass ich schon bald 48 Jahre alt werde. Mein Leben war bislang nicht im eigentlichen Sinne erfolgreich zu nennen. Details werde ich Ihnen ersparen, aber die Bilanz ist durchaus kritisch. Auf allen drei gesellschaftlich beachteten Erfolgsskalen, Kapital, Sex und Ruhm, bin ich am untersten Ende zu finden. Verstehen Sie mich recht. Ich beneide die Lohnabhängigen nicht. Ich bin auch nicht hässlich oder unbegabt. Ich kann nur nicht sehen und meine Kraft liegt eher in meiner ruhigen angenehmen Persönlichkeit als in meinem Ehrgeiz. Ich falle nicht sehr auf und bin niemandem lästig. Wird dennoch einer auf mich aufmerksam, zwingt ihn die Magie meines Wesens, mir etwas Geld zu geben. Das ist nicht nichts, aber selbst Elvis wäre damit nicht groß in der Welt herumgekommen. Deshalb muss ich mir wohl eine Alternative ausdenken. Mein Leben braucht eine neue Vision, eine bereichernde Tat. Ich habe da auch schon eine Idee. Aber ich weiß nicht, ob ich mich das trauen kann,- das Geld einfach zu rauben.

IV
Es ist besser, es nicht zu tun, wenn man es nicht kann. Das sagt mir die Vorsicht und meine Erfahrung. Ich bin manchmal ein bisschen zu ungeschickt, um sicher durch das Leben zu kommen. Nahezu täglich schreien mich Autofahrer an, weil sie mir plötzlich ausweichen müssen. Ich grüble und höre nicht, wenn sie auf mich zusteuern. Das ist gefährlich ungeschickt. Vor zwei Monaten konnte ich tagelang nichts essen vor Kummer. Ich hatte versehentlich die Tür sehr fest zugeworfen und „Billy the Kid“, meine Katze, dabei erschlagen. „Erschlagen“ ist auch die richtige Beschreibung meiner Seele nach diesem Attentat. Ich habe kaum Geld, aber mein Zimmer quillt über von den Zeitschriftenabonnements, die mir Vertreter an der Tür verkauften. Nicht dass ich die Zeitschriften lesen könnte, ich verheize sie im Winter. Eine teure Heizung, nur, ich kann nicht gut Nein sagen, wenn mir ein Zeitschriftenverkäufer unter Schluchzen von seiner kranken Familie erzählt. Das Leben unter Hyänen ist schwierig, wenn man eine angeborene Beißhemmung hat und nichts sieht. In einem Satz: Bruce, sei gescheit.

Gut, ich lasse es bleiben. Ich werde mir kein Geld organisieren, ich lasse es mir auch in Zukunft von Touristen zustecken. Irgendwann werde ich genug davon haben. So viel Zeit muss sein. Und ich habe viel Zeit.


V
Süddeutsche Zeitung 10. Dez. 1999

BRUCE HALL, ein blinder Amerikaner, ist in Memphis bei dem Versuch festgenommen worden, eine Bank zu überfallen. Der 48 Jahre alte Hall hatte sich am Dienstag von einem Wachmann zur Kasse führen lassen und dort dem Kassierer eine Notiz zugeschoben, in der er Geld verlangte, teilte die Polizei am Mittwoch mit. Der Kassierer sagte zu dem in der Nähe stehenden Wachmann: „Es ist ein Überfall“ und gab Hall etwas Geld. Wachleute nahmen Hall fest, als er wegging. Er hatte keine Waffe.
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